Weshalb reagieren wir auf Kritik nicht selten defensiv oder gar verletzt? Ein zentraler, aber häufig übersehener Faktor in dieser Dynamik ist das Schamgefühl. Scham ist eine zutiefst menschliche Emotion, die unsere Reaktionen und Verhaltensweisen im Arbeitsumfeld massiv prägt.
Dieser Artikel basiert auf einem aktuellen Webinar von ValueQuest, geleitet von Andrea Schön, in dem das oft tabuisierte Thema Scham am Arbeitsplatz und dessen Auswirkungen auf unsere Feedback-Kultur beleuchtet wurde.
Scham: Die Wächterin der Menschenwürde
Scham ist eine soziale Emotion, die in allen Kulturen existiert. Der deutsche Sozialwissenschaftler Dr. Stephan Marks bezeichnet sie treffend als die „Wächterin der Menschenwürde“. Sie fungiert als inneres Warnsystem, das uns signalisiert, wenn unser Ansehen, unsere Zugehörigkeit oder unser Bedürfnis, als Person respektiert zu werden, in Gefahr sind.
Scham entsteht häufig dann, wenn Menschen befürchten, als Person infrage gestellt, abgewertet oder blossgestellt zu werden. Es ist ein emotional riskantes Gefühl, da es im Kern um den potenziellen Verlust eines Teils der eigenen Identität geht. Obwohl wir alle Scham erleben, ist sie eine stark tabuisierte Emotion. Wir sprechen kaum darüber, und oft wird sie mit anderen Gefühlen wie Schuld verwechselt.
Die vier Grundformen der Scham
Schamabwehr: Wie wir auf Scham reagieren
Die Art und Weise, wie wir Scham erleben, ähnelt körperlich extremen Stresssituationen: Schwitzen, Erröten oder Erbleichen sind typische Reaktionen, die das Schamgefühl oft noch verstärken. Um dieses schmerzhafte Gefühl abzuwehren, greifen wir auf verschiedene Schutzstrategien zurück:
- Rückzug: Wir machen uns klein, schweigen und versuchen, unsichtbar zu werden. Dies ist oft mit Angst verbunden.
- Angriff auf andere: Wir geben das Gefühl weiter, indem wir andere erniedrigen, beschämen oder unsere Wut auf sie richten.
- Angriff auf uns selbst: Überzogene Selbstkritik, Perfektionismus oder Selbstabwertung, verbunden mit Verzweiflung und dem Gedanken: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
- Vermeidung: Wir streiten ab, überspielen die Situation, suchen Ausreden oder flüchten uns in Ablenkungen.
Diese Abwehrmechanismen erklären, warum Feedback so unterschiedliche und oft schwierige Reaktionen auslöst. Was wir als „schwierige Persönlichkeiten“ wahrnehmen, sind oft Menschen in der Schamabwehr.

Scham im organisationalen Kontext
Im Arbeitsalltag geht es um viel: Anerkennung, Zugehörigkeit, Kompetenz und Status. Scham zeigt sich hier selten direkt, sondern in Form von Abwehrreaktionen wie Sarkasmus, Rechtfertigung, Tratsch, Geheimnistuerei oder dem Vermeiden schwieriger Gespräche. Mitarbeiter, die für neue Ideen kritisiert werden, überlegen sich gut, ob sie sich erneut exponieren. Das Resultat ist oft höfliches statt ehrliches Feedback.
Doch Scham hat nicht nur eine destruktive Seite. Marks betont die konstruktive, entwicklungsfördernde Funktion der empathischen Scham. Sie kann uns motivieren, unser Verhalten zu reflektieren und zu verändern – vorausgesetzt, wir erleben uns trotz eines Fehlers weiterhin als wertvoll.
Sichere Räume für ehrliches Feedback schaffen
Das wirksamste Gegenmittel gegen destruktive Scham sind Empathie und Sicherheit. Kontakt, Beziehungen, Trost und Fairness verringern das Schamgefühl. Da Verletzlichkeit der Kern der Scham ist, müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, in denen Menschen sich zumuten können, sich zu zeigen.
Hier ist das Konzept der psychologischen Sicherheit zentral. Teams mit hoher psychologischer Sicherheit, in denen Mitarbeiter ohne Angst vor Blossstellung um Hilfe bitten, Fehler zugeben und Kritik äussern können, sind nachweislich erfolgreicher.
Führungskräfte spielen dabei eine entscheidende Vorbildfunktion. Wie gehen sie selbst mit Fehlern um? Wie reagieren sie auf Kritik? Zeigen sie sich auch einmal verletzlich? Durch strukturierte Prozesse wie das 360-Grad-Feedback können Organisationen geschützte Räume bieten. Solche Instrumente ermöglichen ehrliche Rückmeldungen durch Anonymität und eröffnen durch verschiedene Perspektiven wertvolle Entwicklungsimpulse.
Fazit: Scham im Job
Emotionen wie Scham werden im Berufsalltag nicht verschwinden. Doch wenn wir lernen, sie zu erkennen, zu benennen und konstruktiv mit ihnen umzugehen, können wir ihre Schutzfunktion nutzen. Indem wir die Scham aus der Tabuzone holen und sichere, würdevolle Räume schaffen, ermöglichen wir ehrliches Feedback und fördern die kontinuierliche Entwicklung von Mitarbeitenden und Organisationen.
Beitrag veröffentlicht am 4. Juni 2026
Über Andrea Schön

Andrea Schön ist erfahrene Projektleiterin für Mitarbeitendenbefragungen sowie 360-Grad-Führungsfeedbacks und berät und begleitet ValueQuest-Kunden seit 10 Jahren. Sie hat Arbeits- und Organisationspsychologie studiert, und als systemischer Coach liegt es ihr besonders am Herzen, Mensch und Arbeit besser zu vereinen. Sie ist seit 2023 Geschäftsführerin von ValueQuest. Erfahren Sie mehr über Andrea
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