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360 Grad Feedback ist mehr als ein Instrument zur Führungskräftebeurteilung. Richtig eingesetzt wird es zu einem strategischen Hebel für Kultur, Selbstreflexion und Leistungsfähigkeit.

Im Gespräch mit Marielena Einzinger von der IE Engineering Group AG wird deutlich, wie 360 Grad Feedback in der Praxis wirkt, welche Herausforderungen entstehen und worauf Unternehmen achten sollten, wenn sie 360 Grad Feedback als Entwicklungsinstrument erfolgreich einsetzen möchten.

Frau Einzinger ist Geschäftsführerin bei der IE Industrial Engineering München GmbH und Mitglied der Gruppenleitung bei der IE Engineering Group AG.

360 Grad Feedback: Vertrauen ist die Basis für einen erfolgreichen Feedback-Prozess

Andrea Schön:

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen. Wir möchten heute darüber sprechen, welche Rolle 360 Grad Feedback in Ihrer Organisation spielt und welche Erfahrungen Sie damit in der Praxis gemacht haben.

Ich kenne die IE Group schon länger und nehme Ihre Organisation als sehr unternehmerisch wahr. Die Hierarchien sind flach. Mitarbeitende haben viel Eigenverantwortung und Gestaltungsspielraum. Führung verstehe ich bei Ihnen eher als unterstützende Kraft, nicht als Kontrolle.

Wie würden Sie Ihre Unternehmenskultur in eigenen Worten beschreiben? Welche Werte prägen Ihre Zusammenarbeit?

Marielena Einzinger:
Unsere Kultur ist klar unternehmerisch. Wir sind leistungsorientiert, weil wir unseren Kunden höchste Qualität liefern wollen. Das ist unser Anspruch.

Bei uns arbeiten hochspezialisierte Expertinnen und Experten. Sie sind fachlich stark und wollen Verantwortung übernehmen. Genau das fördern wir. Deshalb funktionieren flache Hierarchien bei uns gut. Wir erwarten unternehmerisches Denken von jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter.

Führung bedeutet für uns, den Rahmen zu setzen. Wir geben Richtung und Prioritäten vor. Wir sichern Qualität. Gleichzeitig schaffen wir ein Umfeld, in dem Mitarbeitende ihre Stärken entfalten können.

Vertrauen ist dabei die Grundlage. Und genau dieses Vertrauen ist auch die Basis dafür, dass ein 360 Grad Feedback bei uns wirkt. Ohne Vertrauen funktioniert kein Führungsfeedback.

360 Grad Feedback stärkt Selbstreflexion in der Führung

Andrea Schön:
Sie investieren seit mehreren Jahren gezielt in Führungskräfteentwicklung. Welche Rolle spielt 360 Grad Feedback dabei?

Marielena Einzinger:
Unsere Führungskräfte sind meist selbst sehr starke Fachexperten. Sie kennen ihr Thema bis ins Detail. Das ist ein grosser Vorteil.

Aber Führung bedeutet mehr als fachlich gut zu sein. Führung heisst, die Leistung ins Team zu tragen. Man muss das Team ausrichten, Kräfte bündeln und Zusammenarbeit ermöglichen.

Ein zentraler Punkt ist dabei die Selbstreflexion. Und genau hier entfaltet 360 Grad Feedback seine Wirkung. Das Feedback-Instrument zeigt, wie die eigene Führung tatsächlich wahrgenommen wird. Wie wirkt meine Kommunikation? Wie kommen meine Entscheidungen bei Kolleginnen und Kollegen an?

Gerade wenn man fachlich sehr stark ist, kann es passieren, dass man die eigene Wirkung überschätzt. Man denkt: Für mich ist alles klar. Also muss es für alle klar sein. 360 Grad Feedback zeigt, ob das wirklich stimmt.

Das 360 Grad Feedback macht blinde Flecken sichtbar. Und diese Transparenz ist die Grundlage für Entwicklung.

360 Grad Feedback als Abgleich zwischen Selbstbild und Fremdbild

Andrea Schön:
Was macht 360 Grad Feedback aus Ihrer Sicht besonders wertvoll?

Marielena Einzinger:
Der wichtigste Punkt ist der Abgleich zwischen Selbstbild und Fremdbild.

Man bekommt ein ehrliches Bild der eigenen Wirkung. Und dieses Bild basiert nicht nur auf einer Perspektive, sondern auf mehreren. Genau das macht 360 Grad Feedback so stark.

Wir besprechen die Ergebnisse des 360 Grad Feedback offen im Team. Das Feedback ist anonym. Aber wenn Führungskräfte ihre Resultate transparent machen und auch Schwächen ansprechen, entsteht echter Dialog.

Manchmal sagt jemand sogar offen: Ich bin derjenige, der dir dieses Feedback gegeben hat. Dann entsteht offener Austausch. Das stärkt die Feedbackkultur und die Fehlerkultur.

360 Grad Feedback wirkt bei uns deshalb nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch kulturell.

Kontaktieren Sie uns, wenn Sie eine ganzheitliche, massgeschneiderte Führungsentwicklung wünschen.  Barbara Haimoff

360 Grad Feedback liefert klare Muster

Andrea Schön:
Was hat Sie bei der letzten Durchführung des 360 Grad Feedbacks besonders überzeugt?

Marielena Einzinger:
Was ich an 360 Grad Feedback besonders schätze, ist die Klarheit der Ergebnisse. Es entstehen deutliche Muster. Man sieht schnell, wo die Stärken liegen und wo noch Entwicklungsfelder bestehen.

Die Auswertung des Feedbacks erlaubt verschiedene Perspektiven. Man kann nach Standorten auswerten, nach Hierarchieebenen oder für die gesamte Organisation. Dadurch erkennt man, ob ein Thema eine einzelne Person betrifft oder ob es sich durch eine Gruppe zieht.

Diese Differenzierung ist enorm wichtig. Ein 360 Grad Feedback zeigt, ob es sich um ein individuelles Entwicklungsthema handelt oder um ein strukturelles Thema in der Organisation.

Natürlich sind die Ergebnisse nicht immer angenehm. Gerade wenn die Differenz zwischen Selbstbild und Fremdbild grösser ist als erwartet. Aber genau das macht den Wert aus. 360 Grad Feedback liefert ehrliche Rückmeldungen.

Ich muss auch betonen, dass unsere Mitarbeitenden das Instrument sehr professionell nutzen. Es wird nicht als Ventil für Frust verwendet. Die Kommentare sind konstruktiv und durchdacht. Besonders die Kommentarfunktion im 360 Grad Feedback liefert wertvolle Hinweise.

Oft ist genau ein Kommentar der Auslöser, sich wieder bewusst mit der eigenen Wirkung auseinanderzusetzen.

360 Grad Feedback braucht professionelle Begleitung

Andrea Schön:
Feedback kann herausfordernd sein. Wie begleiten Sie Ihre Führungskräfte im Prozess des 360 Grad Feedbacks?

Marielena Einzinger:
Die Begleitung ist entscheidend. Ein 360 Grad Feedback darf nicht einfach verschickt werden und dann sich selbst überlassen bleiben.

Zuerst muss der Prozess klar erklärt werden. Was bedeutet 360 Grad Feedback? Wie wird mit den Ergebnissen umgegangen? Welche Konsequenzen hat es? Diese Transparenz ist zentral.

Wenn die Resultate vorliegen, werden sie zunächst bei mir als HR-Verantwortliche gebündelt. Danach werden sie in den passenden Gremien besprochen, zum Beispiel im Kreis der Geschäftsführenden.

Dort helfen wir uns gegenseitig, die Ergebnisse einzuordnen. Was könnte gemeint sein? Woher kommt eine bestimmte Wahrnehmung?

Zusätzlich führe ich mit jeder mir direkt unterstellten Führungskraft ein Einzelgespräch. Gerade beim ersten 360 Grad Feedback ist die Situation sehr emotional. Ich schaue, wie die Person mit den Ergebnissen umgeht. Gibt es Unsicherheiten? Braucht es Unterstützung?

Aus dem 360 Grad Feedback leiten wir konkrete Entwicklungspläne ab. Je nach Bedarf folgen Trainings oder Executive Coachings. Diese finden regelmässig statt und greifen die Ergebnisse immer wieder auf.

Teilweise fliesst das 360 Grad Feedback auch in die Leistungsbeurteilung ein. So entsteht ein ganzheitliches Bild.

Ein 360 Grad Feedback entfaltet nur dann seine Wirkung, wenn es aktiv weiterbearbeitet wird.

Vom 360 Grad Feedback zum strukturierten Entwicklungsprozess

Andrea Schön:
Hat das 360 Grad Feedback auch strukturelle Veränderungen ausgelöst?

Marielena Einzinger:
Ja, definitiv. Das letzte 360 Grad Feedback war für uns der Startpunkt für einen neuen, strukturierten Führungscoachingkreislauf.

Wir haben das 360 Grad Feedback bewusst als Ausgangspunkt für individuelle Entwicklungspläne genutzt. Besonders im Geschäftsführergremium war das ein wichtiger Schritt.

Wir arbeiten mit einem festen Leadership Coach zusammen. Beide Standorte werden gemeinsam geschult und begleitet. In diesen Sessions wird gezielt an den Entwicklungsfeldern gearbeitet, die im 360 Grad Feedback sichtbar wurden.

Weil diese Termine fix über das Jahr verteilt sind, entsteht Verbindlichkeit. Jede Führungskraft weiss, dass sie an ihren Themen arbeiten wird.

Ein zusätzlicher Effekt: In diesen Treffen geben wir uns gegenseitig Feedback. Das war ein Wunsch aus dem Gremium selbst. Das 360 Grad Feedback hat also nicht nur individuelle Entwicklung angestossen, sondern auch kollektive Reflexion.

Und weil wir das 360 Grad Feedback regelmässig durchführen, können wir Entwicklungen über die Jahre hinweg vergleichen. Das schafft Transparenz und Kontinuität.

360 Grad Feedback zeigt Wirkung im Führungsalltag

Andrea Schön:
Wo sehen Sie ganz konkret Veränderungen im Alltag durch das 360 Grad Feedback?

Marielena Einzinger:
Sehr viel Wirkung entsteht durch die Kommentarfunktion im 360 Grad Feedback. Dort stehen oft ganz konkrete Hinweise.

Man liest einen Verbesserungsvorschlag und merkt sofort: Das kann ich direkt anpassen. Das sind schnelle Umsetzungen, die ich gerne als Quick Wins bezeichne. Ein 360 Grad Feedback liefert also nicht nur strategische Erkenntnisse, sondern auch unmittelbare Handlungsmöglichkeiten.

Auf längere Sicht verändert sich vor allem das Bewusstsein. Führungskräfte wissen nach einem 360 Grad Feedback genauer, wo ihre blinden Flecken liegen. Sie erinnern sich selbst an ihre Entwicklungsfelder.

Man hört Aussagen wie: Das ist mein Thema, daran arbeite ich gerade. Diese Selbstverantwortung entsteht durch die Klarheit des Feedbacks.

Manchmal reicht es sogar, Schwächen offen anzusprechen. Wenn eine Führungskraft sagt: Hier habe ich Entwicklungsbedarf, aber ich arbeite daran, entsteht Verständnis im Team. Das 360 Grad Feedback fördert dadurch Transparenz und Vertrauen im Alltag.

360 Grad Feedback als strategischer Hebel für Führungsqualität

Andrea Schön:
Was ist für Sie der wichtigste Mehrwert von 360 Grad Feedback?

Marielena Einzinger:
Für mich steigert 360 Grad Feedback in erster Linie die Qualität der Führung.

Und Führungsqualität wirkt direkt auf die Leistungsfähigkeit der Organisation. Wenn Führung klarer, reflektierter und bewusster wird, steigt auch die Qualität der Zusammenarbeit.

360 Grad Feedback stärkt die Selbstreflexion. Gleichzeitig fördert es eine offene Feedbackkultur. Beides zusammen unterstützt unseren Anspruch an Exzellenz.

Wir verstehen 360 Grad Feedback nicht als Kontrollinstrument, sondern als Entwicklungsinstrument. Und genau deshalb wirkt es strategisch.

Die grösste Herausforderung bei der Führung: Vom Fachexperten zur reflektierten Führungskraft

Andrea Schön:
Welche Hürden sehen Sie beim Wechsel vom Fachexperten zur Führungskraft?

Marielena Einzinger:
Viele unserer Führungskräfte sind fachlich sehr stark. Sie sind Experten in ihrem Gebiet. Und genau das macht den Wechsel anspruchsvoll.

Wenn man von der Fachkarriere in die Führung wechselt, muss man lernen loszulassen. Man kann nicht mehr alles selbst machen. Man muss Verantwortung abgeben.

Gerade wenn man sehr hohe Ansprüche hat, ist das schwierig. Man weiss genau, wie man es selbst umsetzen würde. Der Impuls, es selbst zu erledigen, ist gross.

Aber genau hier hilft 360 Grad Feedback. Es zeigt, dass Führung nicht bedeutet, alles perfekt selbst zu machen. Es zeigt, wie wichtig Delegation, Vertrauen und klare Kommunikation sind.

Wer diesen Schritt nicht schafft, läuft Gefahr, sich zu überlasten. Führung bedeutet, Qualität durch andere zu ermöglichen, nicht alles selbst zu kontrollieren.

Warum wir 360 Grad Feedback konsequent weiterführen

Andrea Schön:
Warum haben Sie sich entschieden, 360 Grad Feedback weiterzuführen?

Marielena Einzinger:
Weil wir den Mehrwert klar sehen.

Für uns ist 360 Grad Feedback ein fester Bestandteil der Führungsentwicklung geworden. Es liefert ehrliche Rückmeldungen, klare Muster und konkrete Entwicklungsfelder.

Die Auswertungen sind strukturiert und gut nutzbar. Man kann Massnahmen ableiten und Fortschritte vergleichen. Das macht 360 Grad Feedback zu einem strategischen Instrument und nicht zu einer einmaligen Aktion.

Wenn man ein 360 Grad Feedback unternehmensweit einsetzt, braucht man einen professionellen Rahmen. Prozesse müssen klar sein. Termine müssen eingehalten werden. Kommunikation muss transparent sein.

Nur dann entsteht Vertrauen in das Instrument.

360 Grad Feedback einführen: Die wichtigsten Erfolgsfaktoren

Andrea Schön:
Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmen, die ein 360 Grad Feedback einführen möchten?

Marielena Einzinger:
Zuerst muss das Ziel klar sein. Warum führen wir 360 Grad Feedback ein? Was wollen wir strategisch erreichen?

Dann sollte man sorgfältig überlegen, wie viele Feedbackgeber pro Person sinnvoll sind. Eine sehr grosse Gruppe kann zu mittleren Bewertungen führen. Eine kleinere Gruppe kann stärkere Ausschläge erzeugen. Diese Entscheidung sollte bewusst getroffen werden.

Ganz zentral ist die Kommunikation. Ein 360 Grad Feedback muss sauber erklärt werden. Alle Beteiligten müssen wissen, wie mit den Ergebnissen umgegangen wird.

Und das Wichtigste: Die Ergebnisse müssen weiterverarbeitet werden. Ein 360 Grad Feedback entfaltet nur dann Wirkung, wenn es fest in die Führungsentwicklung integriert wird.

Massnahmen müssen verbindlich verfolgt werden. Sonst bleibt das 360 Grad Feedback eine einmalige Aktion ohne nachhaltigen Effekt.

Andrea Schön: Frau Einzinger, vielen Dank für die offenen Einblicke und Ihre Erfahrungen aus der Praxis. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Weiterentwicklung Ihrer Führungskultur.

Beitrag veröffentlicht am 11. März 2026

Über Andrea Schön
Andrea Schön ist Geschäftsführerin bei ValueQuest und leitet Projekte im Bereich Consulting. Mit einem B.Sc. in Psychologie von der FernUni Hagen und einer CAS-Ausbildung als systemischer Coach bringt sie fundierte Beratungskompetenz und Führungserfahrung mit.

Andrea Schön ist erfahrene Projektleiterin für Mitarbeitendenbefragungen sowie 360-Grad-Führungsfeedbacks und berät und begleitet ValueQuest-Kunden seit 10 Jahren. Sie hat Arbeits- und Organisationspsychologie studiert, und als systemischer Coach liegt es ihr besonders am Herzen, Mensch und Arbeit besser zu vereinen. Sie ist seit 2023 Geschäftsführerin von ValueQuest. Erfahren Sie mehr über Andrea

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