Die Besetzung von Lehrstellen wird für viele Schweizer KMU zunehmend zur Herausforderung. Die Berufslehre geniesst in der Schweiz zwar einen hohen Stellenwert, aber rund 10 % aller Lehrstellen bleiben pro Jahr unbesetzt. In anderen Worten: 7’000 bis 10’000.
Fest steht: Wer junge Talente frühzeitig für den eigenen Betrieb gewinnt, sichert sich langfristig Fachkräfte und stärkt seine Position als attraktiver Arbeitgeber.
- Was wünschen sich Lernende wirklich von ihrer Lehre und ihrem Arbeitgeber?
- Wie erleben sie ihren Berufsalltag?
- Und was können Lehrbetriebe in der Schweiz tun, um sich auch bei Lernenden als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren?
Antworten liefert eine neue, repräsentative Studie mit über 45’000 Lernenden, die von WorkMed (Joint Venture von SWICA und Psychiatrie Baselland) initiiert wurde und zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz und Luca Bonfadelli (Studien-Co-Autor) von ValueQuest durchgeführt wurde. Unser Research Manager Luca Bonfadelli war bei der Umsetzung federführend dabei.
Inhaltsverzeichnis
Berufslehre in der Schweiz: Das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft
Die Berufslehre ist für die Schweiz zentral. Rund 210’000 Jugendliche absolvieren aktuell eine Lehre. Das entspricht rund zwei Dritteln eines Jahrgangs an Schulabgängern (BFS, 2023). Trotzdem bleiben jedes Jahr bis zu 10’000 Lehrstellen unbesetzt (Quelle: Yousty). Ein möglicher Grund: Die psychische Belastung vieler Jugendlicher nimmt zu. Manche brechen ihre Lehre ab. Andere beginnen sie erst gar nicht.
In dieser Situation sind besonders Schweizer KMU gefordert. Rund 60 % aller Lehrstellen in der Schweiz werden von kleinen und mittleren Betrieben angeboten (BFS, 2023). Wer Lernende nicht nur rekrutiert, sondern auch erfolgreich begleitet, sichert sich die Fachkräfte von morgen.
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Wer die psychische Gesundheit ernst nimmt, handelt nicht nur im besten Interesse der Auszubildenden, sondern schafft auch eine langfristige Basis für eine hohe Mitarbeiterbindung.
Psychische Belastung im Fokus der Lernenden-Befragung
Die Berufslehre ist für viele junge Menschen in der Schweiz der Einstieg ins Berufsleben und ein prägender Abschnitt ihrer persönlichen und fachlichen Entwicklung. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich in Teams einzubringen und mit Belastungen umzugehen. Viele Lernende übernehmen erstmals Verantwortung für ihre Arbeit, müssen sich in ein Team integrieren und erleben eine neue Alltagsstruktur, die sich deutlich von der Schulzeit unterscheidet.
Doch dieser Übergang hinterlässt nicht nur Lernerfahrungen, sondern auch Spuren: Viele Lernende erleben psychische Belastungen, von Überforderung bis hin zu emotionalem Rückzug. Genau deshalb stellt die vorliegende Umfrage das psychische Befinden der Lernenden in den Fokus.
Für Lehrbetriebe heisst das: Wer die psychische Gesundheit ernst nimmt, handelt nicht nur im besten Interesse der Auszubildenden, sondern schafft auch eine langfristige Basis für eine hohe Mitarbeiterbindung.
Die psychische Gesundheit von Lernenden ist für KMU relevant
Rund 60 % aller Lehrstellen in der Schweiz werden von KMU angeboten (BFS, 2023). Gerade kleinere Betriebe haben damit eine tragende Rolle in der Berufsbildung. Sie prägen nicht nur das Image der Lehre, sondern auch das konkrete Erleben der Jugendlichen. Wer heute Lernende gut begleitet, sichert sich die Fachkräfte von morgen – und stärkt gleichzeitig das eigene Arbeitgeberimage.
Zertifikate wie „Top-Ausbildungsbetrieb“ oder Programme wie „Great Start!“ können dabei helfen, das Engagement sichtbar zu machen. Doch entscheidend ist, wie Lernende ihren Berufsalltag erleben: die Beziehung zur Vorgesetzten, Kommunikation und die Haltung des Arbeitgebers (die Lernende ernst nehmen). Eine Auszeichnung oder ein Zertifikat ist schon und gut, ersetzt jedoch nicht wirksame Massnahmen zur Steigerung der Mitarbeitermotivation von Lernenden.
Arbeitgeberattraktivität beginnt vor dem ersten Arbeitstag
Arbeitgeber können gezielt punkten, wenn sie die Sorgen und Unsicherheiten von Lernenden ernst nehmen und eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen. Neben der Vorfreude auf den Lehrstart berichten viele Jugendliche auch von Sorgen, die ernst genommen werden sollten. Rund 60 Prozent befürchten Überforderung, zu wenig Ferien, lange Arbeitszeiten oder fehlendes Verständnis für ihre persönliche Situation. Knapp ein Fünftel der Befragten gibt sogar an, sich auf keinen spezifischen Aspekt der Lehre gefreut zu haben.
Diese Zahlen zeigen: Eine gelungene Ausbildung beginnt nicht erst mit dem ersten Arbeitstag. Vielmehr sind Arbeitgeber dazu aufgefordert, bereits bei der Auswahl und dem Onboarding die Lernenden aktiv zu begleiten. Eine vollumfängliche „Employee Journey“ wird hier zum Schlagwort der Stunde.
Lehrbetriebe, die auf folgende Elemente setzen, können vielen Schwierigkeiten vorbeugen:
Lehrbetriebe, die auf folgende Elemente setzen, können vielen Schwierigkeiten vorbeugen:
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- Wertschätzende Willkommenskultur: Von Anfang an eine positive Grundhaltung zeigen
- Persönliche Gespräche: Zeit nehmen für Erwartungen, Fragen und Unsicherheiten
- Frühzeitige Klärung: Rollen, Abläufe und Zuständigkeiten transparent machen
- Raum für Emotionen: Sorgen ernst nehmen und offen ansprechen
- Wertschätzende Willkommenskultur: Von Anfang an eine positive Grundhaltung zeigen
Arbeitgeber müssen in eine positive Beziehung mit den Lernenden investieren
Lernende entwickeln sich besonders positiv, wenn sie in einem unterstützenden Umfeld arbeiten. Die Studie zeigt, dass 80 bis 90 Prozent der Jugendlichen ihre Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sowie Klassenlehrpersonen als engagiert, respektvoll und fördernd erleben. Ebenso hoch ist die Zustimmung zu Aussagen wie:
- «Ich werde ernst genommen»
- «Ich kann offen über Fehler sprechen»
- «Ich arbeite in einem Team mit respektvollem Umgang»
Diese Ergebnisse belegen: Eine positive Beziehungskultur und eine konstruktive Lernumgebung sind zentrale Faktoren für den Ausbildungserfolg. Für Arbeitgeber bedeutet das konkret:
- Sozialkompetenz fördern
- Coaching-Skills von Berufsbildnern stärken
- Feedbackkultur leben

Arbeitgeber sollten psychische Belastungen ernst nehmen
Trotz der insgesamt positiven Bewertung der Lehre berichten 61 Prozent der Lernenden von psychischen Problemen im weitesten Sinne. Dazu zählen negative Gedanken, depressive Verstimmungen, Überforderungsgefühle oder auch Symptome wie Ängstlichkeit und Konzentrationsprobleme. In der Hälfte dieser Fälle beeinträchtigen die psychischen Belastungen den Alltag in der Lehre deutlich.
Besonders alarmierend: Viele dieser Jugendlichen nutzen kaum Beratungsangebote, obwohl diese durchaus vorhanden wären, sei es über die Berufsschule, den Lehrbetrieb oder externe Stellen. Für Lehrbetriebe ergibt sich hier eine klare Handlungsaufforderung.
Es braucht Ansprechpersonen, eine klare Kommunikationskultur und niedrigschwellige Zugänge zu psychischer Unterstützung. Oftmals ist der erste Schritt, Lernende überhaupt für die bestehenden Angebote zu sensibilisieren. Ziel muss es sein, psychische Gesundheit zu enttabuisieren und als selbstverständlichen Bestandteil der Ausbildung zu verankern. Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei den Lernenden. Auch der Lehrbetrieb steht in der Pflicht.
Ein Viertel der Auszubildenden denkt an einen Lehrabbruch
Ein Viertel der Lernenden hat bereits mehrmals daran gedacht, die Lehre abzubrechen – vor allem in sehr kleinen Betrieben. Je grösser jedoch die Unterstützung im Lehrbetrieb ist, desto seltener treten solche Gedanken auf. Der wichtigste Grund, weshalb Lernende dennoch durchhalten, ist ihr eigener Wille, nicht aufzugeben (80 Prozent). Dahinter folgen das in sie gesetzte Vertrauen sowie der Wunsch der Eltern, die Ausbildung fortzusetzen.
Diese Ergebnisse unterstreichen: Persönliche Beziehungen und ein unterstützendes Umfeld sind entscheidende Faktoren, um Ausbildungsabbrüche zu verhindern.
Tipps für mehr Arbeitgeberattraktivität von Lehrbetrieben
Die Studienergebnisse zeigen deutlich, dass Betriebe in der Berufsbildung eine Schlüsselrolle für die gesunde Entwicklung und Reifung von Jugendlichen spielen. Wir empfehlen Lehrbetrieben deshalb folgende Tipps, um Lernende auf ihrem Weg zu begleiten und gleichzeitig das Arbeitgeberimage zu verbessern:
- Beziehungsarbeit aktiv gestalten: Persönliche Gespräche, echtes Interesse und Anerkennung sind entscheidend. Die Hemmschwelle, solch eine Beratung zu nutzen, soll hier gesenkt werden.
- Psychische Gesundheit enttabuisieren: Offen über Herausforderungen sprechen, Unterstützung anbieten und proaktiv informieren.
- Strukturen schaffen: Klare Prozesse und Ansprechpersonen erleichtern das Ankommen und den Umgang mit Schwierigkeiten.
- Praxisnähe und Sinn vermitteln: Aufgaben mit echtem Bezug zur Arbeitswelt fördern Motivation und Verantwortungsbewusstsein.
- Berufsbildnerinnen und Berufsbildner weiterbilden: Führung und Begleitung von Jugendlichen erfordern spezifische Kompetenzen.
📌 Über WorkMed
Die WorkMed AG ist ein Zentrum für Arbeit und psychische Gesundheit, welches im Bereich Prävention, Klärung und Bewältigung von Ausbildungs- und Arbeitsproblemen sowie Verbesserung der Erwerbsfähigkeit und Arbeitsmarktintegration von Personen mit psychischen Problemen tätig ist. Dafür erbringt das Joint Venture von SWICA und der Psychiatrie Baselland umfassende Leistungen für verschiedene Zielgruppen.
Beitrag veröffentlicht am 24. Juni 2025
Über Dr. Kathrin Neumüller

Dr. oec. HSG Kathrin Neumüller ist Co-Geschäftsführerin bei ValueQuest und Expertin für Mitarbeiterinspiration und Empowerment. Daneben unterrichtet sie im MBA strategisches Management an der ZHAW. Sie promovierte an der Universität St. Gallen (HSG) und studierte an der University of Cambridge. Erfahren Sie mehr über Kathrin
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