Feedback ist wichtig – wird aber oft als Angriff und nicht als Chance zur Weiterentwicklung empfunden. Warum ist das so und was können wir dagegen tun? Dieser Beitrag zeigt, welche psychologischen Faktoren eine Rolle spielen und was hilft, Feedback wirksam zu gestalten.

Feedback hilft uns, uns weiterzuentwickeln – beruflich und privat. Dennoch führt es oft zu Frustration statt zu Fortschritt. Unternehmen und Führungskräfte investieren in Feedbackprozesse, aber die Ergebnisse bleiben hinter den Erwartungen zurück. Warum nehmen viele Menschen Feedback persönlich, auch wenn es konstruktiv gemeint ist? Warum fällt es oft schwer, ehrliches Feedback zu geben? Die Antworten liegen in der Psychologie. 

Warum fällt Feedback bekommen so schwer?

Unser Gehirn ist darauf programmiert, Gefahren zu vermeiden – ein Überlebensinstinkt, der uns seit der Steinzeit begleitet (Damasio, 1998). Damals war es wichtig, schnell zu reagieren: Beim Anblick eines Säbelzahntigers war Zögern keine Option – wer instinktiv floh, hatte bessere Überlebenschancen. Dieses automatische Schutzprogramm ist auch heute noch aktiv. Unser Gehirn interpretiert negatives Feedback oft als Angriff, wodurch Stressreaktionen ausgelöst werden. Anstatt Feedback als konstruktiven Impuls zu nutzen, gehen wir in den Fight-or-Flight-Modus – wir verteidigen uns oder ziehen uns zurück. Viele Menschen wehren Feedback ab oder suchen nach Gründen, es nicht ernst zu nehmen. Dadurch verpassen sie die Chance, daraus zu lernen. 

Unser Gehirn spielt uns einen Streich – kognitive Verzerrungen 

Wir nehmen Feedback selten objektiv auf – unser Gehirn spielt uns Streiche. Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und Mitbegründer der Verhaltensökonomie, zeigt, dass unser Denken von zahlreichen kognitiven Verzerrungen geprägt ist. Diese unbewussten Denkmuster entstehen häufig durch das sogenannte System-1-Denken – eine schnelle und relativ mühelose Art der Informationsverarbeitung, die jedoch fehleranfällig ist (Kahneman, 2012). Kognitive Verzerrungen entstehen, weil unser Gehirn Informationen oft vereinfacht verarbeitet. Anstatt jede Entscheidung analytisch zu durchdenken, greift unser Gehirn auf mentale “Abkürzungen” (sogenannte Heuristiken) zurück, um schnell zu reagieren. Das erleichtert uns zwar den Alltag, kann uns aber gerade beim Thema Feedback im Weg stehen. Im Folgenden betrachten wir drei typische Denkfehler, die unsere Wahrnehmung von Feedback beeinflussen.

Denkfehler 1: Unser positives Selbstbild verteidigen

Stellen Sie sich vor, Sie stellen in einem Führungskreis eine neue Strategie vor. Die Reaktionen sind durchweg positiv: Ihre Argumente werden gelobt, Ihre Präsentation als überzeugend bewertet. Sie sind stolz – zu Recht, denn das zeigt, dass Sie gute Arbeit geleistet haben.

Nun eine andere Situation: Bei einer späteren Präsentation gibt es kritische Rückmeldungen. Einige Teilnehmende stellen Ihre Ideen infrage, die Diskussion wird hitzig. Ihr erster Gedanke? „Die haben sich wohl nicht richtig vorbereitet“ oder „Die Rahmenbedingungen waren unklar“.

Warum reagieren wir so? Einer der Gründe ist der Self-Serving-Bias. Wir neigen dazu, Erfolge unseren eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben, während wir Misserfolge gerne auf äußere Umstände schieben. Diese Verzerrung wurde von Fritz Heider (1958) und später von Miller und Ross (1975) untersucht. Im Arbeitsalltag führt sie dazu, dass Mitarbeitende positives Feedback als Bestätigung der eigenen Kompetenz auffassen, während kritisches Feedback häufig abgelehnt oder rationalisiert wird. 

🎯 Unsere Tipps für den Feedbackempfänger:

  • Bewusste Reflexion: Nehmen Sie sich nach einem kritischen Feedback einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, welche Aspekte Sie tatsächlich beeinflussen konnten. Statt sofort nach äußeren Ursachen zu suchen, fragen Sie sich: Was hätte ich anders machen können?
  • Perspektivwechsel: Stellen Sie sich vor, jemand anderes hätte die gleiche Situation erlebt. Würden Sie für diese Person dieselben Argumente anführen? Oder würden Sie ihr raten, das Feedback als Lernchance zu sehen?
  • Feedback aufteilen: Trennen Sie den sachlichen Inhalt von der emotionalen Reaktion. Kritisches Feedback fühlt sich oft wie ein persönliches Urteil an, bezieht sich aber meist nur auf einzelne Aspekte der Leistung.

Denkfehler 2: Unsere Misserfolge auf äussere Umstände schieben

Ein Teamleiter bemerkt, dass ein Mitarbeitender häufig zu spät zu Besprechungen kommt. Sein erster Gedanke: „Der ist einfach unzuverlässig.“ Vielleicht fragt er sich sogar, ob dieser Mitarbeitende wirklich für größere Projekte geeignet ist. Jetzt drehen wir die Situation um: Der Teamleiter selbst kommt einmal zu spät. Sein erster Gedanke? „Die Besprechung vorhin hat einfach länger gedauert“ oder „Ich wurde spontan noch aufgehalten.“

Warum dieser unterschiedliche Massstab? Hier kommt der fundamentale Attributionsfehler (Ross, 1977) zum Tragen. Wir führen das Verhalten anderer häufig auf deren Persönlichkeit zurück, während wir unser eigenes Verhalten mit äußeren Umständen erklären. In der Praxis bedeutet dies, dass eine Führungskraft die schlechte Leistung einer Person als Zeichen mangelnden Engagements interpretiert, während die betroffene Person äußere Faktoren wie unklare Zielvorgaben oder fehlende Ressourcen dafür verantwortlich macht. Diese Verzerrung führt dazu, dass das Feedback oft härter ausfällt, als wir selbst es gerne hören würden.

💬 Unsere Tipps für Feedbackgeber:

  • Fakten von Interpretationen trennen: Beobachten Sie das Verhalten, ohne es sofort zu bewerten. „Die Besprechung begann um 10:00 Uhr, Sie kamen um 10:10 Uhr“ ist eine wertfreie Aussage. Dagegen ist „Sie sind unzuverlässig“ eine Interpretation.
  • Offene Fragen stellen: Statt vorschnell zu urteilen, hilft es, Rückmeldungen neugierig zu formulieren: „Mir ist aufgefallen, dass Sie in letzter Zeit öfter zu spät kommen – gibt es dafür Gründe?“ Das schafft Raum für eine Erklärung und führt viel eher zu einem konstruktiven Gespräch.
  • Feedback umdrehen: Würden Sie sich selbst oder einer anderen Führungskraft das gleiche Feedback geben? Oder würden Sie nach den Hintergründen und Ursachen fragen? Ein Perspektivenwechsel kann helfen, faires und sachliches Feedback zu geben.

Denkfehler 3: Negative Informationen überbewerten.

Sie erhalten eine E-Mail von Ihrer Vorgesetzten mit dem Betreff: „Feedback zu Ihrer letzten Präsentation“. Noch bevor Sie die Nachricht öffnen, spüren Sie einen Kloß im Hals. Sie erinnern sich sofort an den Moment, als eine Zahl einmal nicht stimmte und Ihre Vorgesetzte Sie auf den Fehler aufmerksam machte. Beim Lesen der E-Mail stellen Sie fest, dass das Feedback überwiegend positiv ausfällt. Nur ein kleiner Verbesserungsvorschlag wird gemacht. Doch was bleibt Ihnen im Gedächtnis? Richtig: Genau diese eine kritische Anmerkung.

Das liegt am Negativity-Bias (Rozin und Royzman, 2001). Unser Gehirn gewichtet negative Informationen stärker als positive. Wird Feedback als Kritik empfunden, reagieren wir oft abwehrend: entweder mit Fight (Rechtfertigung, Gegenangriff) oder Flight (innere Kündigung, Rückzug aus der Diskussion). Diese Denkweise, die ursprünglich unser Überleben sicherte, indem sie negative Emotionen wie Angst stärker gewichtete, erschwert es heute, Kritik als wertvollen Impuls zur Weiterentwicklung zu sehen.

🎯 Unsere Tipps für Feedbackgeber und -empfänger:

  • Positive und negative Rückmeldungen bewusst ausbalancieren: Wenn Sie Feedback bekommen, notieren Sie sich nicht nur die Kritik, sondern auch die positiven Punkte. Unser Gehirn blendet Lob oft unbewusst aus. Eine einfache Technik für Feedbackgeber, dem Negativity-Bias entgegenzuwirken, ist das „Drei-zu-eins-Prinzip“: Drei positive Punkte für jeden kritischen.
  • Zeitlicher Abstand vor der Reaktion: Direkt nach kritischem Feedback steigt oft der emotionale Stresspegel. Geben Sie sich Zeit, bevor Sie reagieren. Statt sofort eine Erklärung oder Verteidigung zu formulieren, hilft es, bewusst tief durchzuatmen und die Rückmeldung erst einmal sacken zu lassen.
Checkliste mit 8 Tipps für wirksames Feedback für Führungskräfte, HR und Teams

Die Kunst des guten Feedbacks – Was Führungskräfte beachten sollten

Kognitive Verzerrungen beeinflussen die Art und Weise, wie wir Feedback geben und erhalten, oft, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Der größte Denkfehler besteht darin, zu glauben, wir seien frei davon. Dieser sogenannte Bias Blind Spot (Pronin et al., 2002) beschreibt unsere Neigung, Verzerrungen bei anderen leicht zu erkennen, während wir unser eigenes Denken für weitgehend objektiv halten.

Gerade Führungskräfte sollten sich dessen bewusst sein: Wer glaubt, völlig unbeeinflusst zu urteilen, ist besonders anfällig für blinde Flecken. Doch es reicht nicht aus, nur die eigenen Verzerrungen zu hinterfragen – auch die der Mitarbeitenden spielen eine Rolle: Nur wer das eigene Denken und das der Mitarbeitenden berücksichtigt, kann konstruktives Feedback geben und die Mitarbeitenden ermutigen, selbst als Feedbackgeber aktiv zu werden. Die folgenden fünf Tipps zeigen, wie Führungskräfte eine offene Feedbackkultur im Team schaffen und Feedback so gestalten können, dass es von allen als Chance zur Weiterentwicklung genutzt wird.

Tipp #1: Schaffen Sie Psychologische Sicherheit

Haben Sie schon einmal in einer Besprechung gesessen und sich gefragt, was ein bestimmter Begriff bedeutet? Sie schauen sich um, aber niemand stellt die Frage. Also schweigen Sie – aus Angst, unprofessionell zu wirken. Das ist psychologische (Un-)Sicherheit. Niemand möchte am Arbeitsplatz als inkompetent, aufdringlich oder negativ wahrgenommen werden. Deshalb setzen viele – meist unbewusst – auf Strategien, um den Eindruck, den sie auf andere machen, möglichst positiv zu gestalten (Impression Management). Das Problem: Lernchancen gehen verloren. Fehler bleiben unentdeckt, Innovationspotenziale werden nicht geäußert und die Mitarbeitenden tragen weniger aktiv zur Weiterentwicklung des Unternehmens bei.

📌 Infobox: Psychologische Sicherheit

Psychologische Sicherheit bedeutet, dass es in einem Team nicht nur akzeptiert, sondern erwartet wird, Bedenken, Fragen, Ideen und Fehler offen anzusprechen – ohne Angst vor negativen Konsequenzen.

Nach Amy Edmondson (1999) ist psychologische Sicherheit entscheidend dafür, dass Mitarbeitende sich trauen, ehrliches Feedback zu geben und anzunehmen. Psychologische Sicherheit bedeutet, dass Teammitglieder keine Angst vor negativen Konsequenzen haben, wenn sie Fehler zugeben oder Bedenken äußern. In einem Umfeld, in dem Fehler als Teil des Lernprozesses angesehen wird, ist Feedback keine Bedrohung, sondern ein wertvolles Instrument zur Weiterentwicklung. Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, ein Klima zu schaffen, in dem sich Mitarbeitende trauen, offen zu sprechen.

 Konkrete Massnahmen für psychologische Sicherheit

Eigene Fehler ansprechen:
Wer als Führungskraft zeigt, dass er oder sie aus Fehlern lernt, signalisiert dem Team, dass Fehler kein Makel sind, sondern ein normaler Teil des Arbeitsprozesses.
Feedback als gemeinsames Lernen verstehen:
Rückmeldungen sollten nicht als Bewertung, sondern als Chance zur Weiterentwicklung betrachtet werden.
Raum für Reflexion schaffen:
Meetings wie Retrospektiven oder „Lessons Learned“-Runden helfen, Erfolge und Verbesserungsmöglichkeiten offen zu besprechen – ohne Angst vor negativen Konsequenzen.

Obenstehende Maßnahmen helfen nicht nur, Vertrauen im Team aufzubauen, sondern wirken auch einer typischen Denkverzerrung entgegen: dem Self-Serving Bias. Wer sich sicher fühlt, kann Fehler als Teil des Lernprozesses anerkennen, anstatt sie auf äußere Umstände zu schieben. 

Tipp #2: Geben Sie wertschätzendes Feedback und nicht bloß Lob

„In Unternehmen wird zu wenig gelobt.“ Diese Aussage hört man oft. Doch es geht nicht nur darum, häufiger Lob auszusprechen, sondern vor allem um die richtige Art der Anerkennung. Mitarbeitende möchten nicht nur gelegentlich eine nette Bemerkung hören, sondern dass ihre Leistung wirklich gesehen wird. Sie erwarten wertschätzendes, substanzielles Feedback, das ihre Weiterentwicklung fördert. Studien zeigen, dass 32 % der Beschäftigten mangelnde Wertschätzung beklagen (DGB-Index Gute Arbeit, 2019). Zudem ist fehlende Anerkennung der zweithäufigste Kündigungsgrund (Manpower Group, 2017).

Positives Feedback und Lob sind nicht dasselbe. Lob ist meist vage und ohne klare Begründung („Das hast du toll gemacht!“ oder „Gute Arbeit“). Wertschätzendes Feedback hingegen ist konkret: Es beschreibt ein beobachtetes Verhalten, die daraus resultierenden positiven Auswirkungen und drückt gezielte Anerkennung aus. Während echtes Feedback zeigt, dass sich der Feedbackgeber mit der Person und ihrer Arbeit auseinandergesetzt hat, bleibt Lob oft pauschal und oberflächlich – in manchen Fällen kann es sogar herablassend wirken. Zudem nutzt sich Lob bei übermäßigem Gebrauch schnell ab. 

Tipp #3: Nutzen Sie Storytelling, um konstruktives Feedback richtig aufzubauen

Kritik sollte immer im Rahmen eines konstruktiven Feedbacks geäußert werden. Es reicht nicht, nur auf Defizite hinzuweisen – entscheidend ist, dass Feedback auch konkrete Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt. Typischerweise beinhaltet gutes konstruktives Feedback folgende vier Inhaltspunkte:

🌟 Zentrale Elemente von positivem Feedback

Mitarbeitende brauchen gezielte Rückmeldungen, die nicht nur die Anerkennung ihrer Arbeit ausdrücken, sondern auch zeigen, warum ihre Leistung wertvoll ist.

👀
Beobachtung:
Was genau hat die Person getan oder erreicht?
z. B.: „Die Präsentation war logisch aufgebaut und klar strukturiert.“
💡
Folgen:
Welche positiven Auswirkungen hatte dieses Verhalten?
z. B.: „Besonders die Visualisierungen haben geholfen, die Argumentation zu untermauern. Das hat das Team überzeugt.“
🙏
Anerkennung:
Eine explizite Würdigung der Leistung.
z. B.: „Vielen Dank für Deinen Einsatz.“

Um konstruktives Feedback möglichst schonend zu geben und Widerstände abzubauen, können Führungskräfte die Sandwich-Methode anwenden (Ash, 1984). Dabei wird das konstruktive Feedback in zwei positive Rückmeldungen eingebettet. Es beginnt mit einem positiven Einstieg („Mir hat an deiner Präsentation gefallen, dass …“), gefolgt von der Beobachtung und dem Verbesserungsvorschlag und endet mit einer motivierenden Aussage („Deine Projektberichte sind immer strukturiert. Ich bin überzeugt, dass du diese Struktur auch in deine Präsentationen einbringen kannst“). Die Sandwich-Methode sollte jedoch nur situativ eingesetzt werden und erfordert ein gewisses Maß an kommunikativem Geschick, da sie sonst schnell unnatürlich wirken und ihre positive Wirkung verlieren kann.

Trotz aller Sorgfalt kann kritisches Feedback zunächst Widerstand auslösen. Hier setzt das SARA-Modell (Shock, Anger, Resistance, Acceptance) an, das die typischen Phasen beschreibt, die Menschen durchlaufen, wenn sie kritisches Feedback erhalten – vom ersten Schock über Ärger und Widerstand bis hin zur Akzeptanz (z.B., Kern, 2024). Das Modell hilft Führungskräften, die emotionalen Reaktionen des Feedbackempfängers besser zu verstehen und zu steuern. Indem sie Feedback wertschätzend formulieren, dem Gegenüber Raum für seine Reaktion geben und gezielt offene Fragen stellen, fördern sie die Reflexion und erleichtern den Übergang zur Akzeptanz. So kann konstruktives Feedback nicht nur besser verarbeitet, sondern auch als echter Entwicklungsimpuls genutzt werden.

Tipp #4: Fördern Sie Selbstreflexion bei Ihren Mitarbeitenden

Eine effektive Methode, um Feedback konstruktiver zu gestalten, ist, die Feedbackempfänger zunächst ihre eigene Leistung einschätzen zu lassen („Wie hast du deine Leistung selbst wahrgenommen?“). Dies fördert die Selbstreflexion, erhöht die Offenheit für konstruktive Rückmeldungen und stärkt die Identifikation mit dem Feedback. Zudem hilft eine realistische Selbsteinschätzung dabei, den oben beschriebenen Self-Serving Bias zu reduzieren – die natürliche Tendenz, Erfolge den eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben, während Misserfolge auf äußere Umstände geschoben werden.

Ein besonders wirkungsvolles Konzept zur Förderung der Selbstreflexion sind die 7 Säulen der Resilienz (Nuber, 2005; Reivich und Shatté, 2003), das Strategien zur Stärkung der psychischen Widerstandskraft liefert. Drei zentrale Säulen lassen sich besonders gut auf den Umgang mit Feedback übertragen:

Zentrale Säulen zur Förderung der Selbstreflexion

Selbstwirksamkeit
Wer an die eigene Fähigkeit glaubt, sich weiterzuentwickeln, nimmt Feedback eher als Chance wahr und bleibt nicht in einer defensiven Haltung stecken. Führungskräfte können dies unterstützen, indem sie gezielt Erfolge und Fortschritte hervorheben.
Akzeptanz
Kritik ist nicht immer angenehm, aber notwendig. Mitarbeitende, die akzeptieren, dass nicht jedes Feedback angenehm ist oder dass Rückmeldungen auch mal herausfordernd sein können, gehen souveräner damit um.
Lösungsorientierung
Statt sich in negative Emotionen zu verlieren, hilft es, den Fokus auf Verbesserung zu richten. Wer nach Feedback direkt überlegt, wie er oder sie es konkret umsetzen kann, profitiert langfristig stärker.

Tipp #5: Timing und Kontext beachten

Feedback ist nicht nur eine Frage der Worte, sondern auch des richtigen Zeitpunkts. Weder sollte es zu spät kommen und damit an Relevanz verlieren, noch sollte es unüberlegt geäußert werden und damit mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Gerade bei kritischen Punkten ist ein ruhiger, wertschätzender Rahmen entscheidend – idealerweise ohne Zuhörer im Hintergrund. Wer Feedback im Vorbeigehen gibt oder es zwischen zwei Besprechungen einstreut, riskiert, dass es nicht richtig aufgenommen wird. Auch kurz vor dem Wochenende oder direkt nach einem anstrengenden Termin sind ungünstige Zeitpunkte für konstruktives Feedback. Es hat sich daher bewährt, ein Feedbackgespräch aktiv anzukündigen, damit sich der Gesprächspartner mental darauf einstellen kann. Ankündigungen wie „Setzen wir uns nachher zusammen, ich habe noch ein paar Gedanken zu deiner Präsentation“ helfen, Widerstände abzubauen. Auch für den Feedbackgeber kann Zurückhaltung in emotional aufgeladenen Situationen klüger sein. Wer sich zum Beispiel direkt nach einer schwierigen Besprechung über ein Teammitglied ärgert, sollte nicht sofort reagieren. Ein Moment der Reflexion hilft, Emotionen zu sortieren und Kritik konstruktiver zu formulieren.

Allerdings kann es auch problematisch sein, Feedback zu lange zu sammeln und aufzuschieben. Wer Kritik zu lange zurückhält, riskiert, dass sich Frustration aufbaut und in einem einzigen Gespräch eine überwältigende Menge an Verbesserungsvorschlägen auf den Empfänger einprasselt. Besser als eine lange Liste von Verbesserungsmöglichkeiten, die auf einmal abgearbeitet werden müssen, sind kleine, kontinuierliche Impulse, die rechtzeitig und gezielt gegeben werden.

Quellen

  • Ash, M. K. (1984). Mary Kay on People Management. New York: Grand Central Pub.
  • Damasio, A. R. (1998). Emotion in the perspective of an integrated nervous system. Brain Research Reviews, 26(2-3), 83-86.
  • Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44, 350–383.
  • Heider, F. (1958). The psychology of interpersonal relations. New York: Wiley.
  • Kahneman, D. (2012). Thinking, fast and slow. New York: Penguin Books Ltd. 
  • Kern, S. (2024). Empathie–Feedback & Kommunikation–Resilienz–Reflexion. In Das Transformation-Management-Office–Deep Dive: Mit Hands-on-Mentalität die agile und digitale Transformationen umsetzen (pp. 81-92). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.
  • Miller, D. T., & Ross, M. (1975). Self-serving biases in the attribution of causality: Fact or fiction? Psychological Bulletin, 82(2), 213–225.
  • Nuber, U. (2005). Resilienz: Immun gegen das Schicksal? Psychologie Heute, 9(2005).
  • Pronin, E., Lin, D. Y., & Ross, L. (2002). The bias blind spot: Perceptions of bias in self versus others. Personality and Social Psychology Bulletin, 28(3), 369-381.
  • Reivich, K., & Shatté, A. (2003). The Resilience Factor: 7 Keys to Finding Your Inner Strength and Overcoming Life’s Hurdles. New York: Broadway Books.
  • Ross, L. (1977). The intuitive psychologist and his shortcomings: Distortions in the attribution process. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 10, pp. 173–220). New York: Academic Press.
  • Rozin, P., & Royzman, E. B. (2001). Negativity bias, negativity dominance, and contagion. Personality and Social Psychology Review, 5(4), 296–320

 

Prof. (FH) Dr. oec. HSG Kristina Harthaller (neé Kleinlercher) ist Professorin für Omnichannel Marketing & Sales an der MCI Internationale Hochschule GmbH. Zuvor arbeitete sie als Projektleiterin und Leiterin des Kompetenzzentrums Omnichannel & Customer Experience Management am Forschungszentrum für Handelsmanagement der Universität St.Gallen. Ihre Spezialgebiete sind Konsumentenverhalten entlang der Customer Journey, Omnichannel Management und Service Management mit besonderem Fokus auf Mitarbeiter-Inspiration.

 

Kontakt: kristina.harthaller@mci.edu

www.mci.edu

Dr. oec. HSG Kathrin Neumüller ist Expertin im Bereich Mitarbeiter-Empowerment und Mitarbeiter-Inspiration und Projektmanagerin beim Schweizer Marktforschungsinstitut ValueQuest. Sie doziert an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Weiter ist sie Keynote-Speakerin und Fachbuchautorin zu den Themen Führung, Mitarbeiter-Empowerment und Mitarbeiter-Inspiration. Ihr neuestes Werk “Mitarbeiter inspirieren” erschien im Februar 2024 (Bildbox).

 

Kontakt: neumueller@valuequest.ch

www.valuequest.ch

Beitrag veröffentlicht am 29. Mai 2025

Über Dr. Kathrin Neumüller
Kathrin Neumüller, Co-Geschäftsführerin, hat welliges blondes Haar und trägt einen marineblauen Blazer über einem weissen Hemd. Sie lächelt selbstbewusst und steht in einem modernen Büro mit grossen Fenstern im Hintergrund.

Dr. oec. HSG Kathrin Neumüller ist Co-Geschäftsführerin bei ValueQuest und Expertin für Mitarbeiterinspiration und Empowerment. Daneben unterrichtet sie im MBA strategisches Management an der ZHAW. Sie promovierte an der Universität St. Gallen (HSG) und studierte an der University of Cambridge. Erfahren Sie mehr über Kathrin

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