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Demografischer Wandel trifft auf Rekrutierungsrealität
Die demografische Entwicklung ist eindeutig: Immer mehr Menschen bleiben auch jenseits des ordentlichen Rentenalters fit, motiviert und leistungsfähig. Trotzdem begegnen viele Unternehmen dieser Realität mit Zurückhaltung. Altersfreundliche Personalpolitik wird kaum als strategische Antwort auf den Fachkräftemangel verstanden.
Im Auftrag des Schweizer Lebensversicherungskonzerns Swiss Life führte das Markt- und Meinungsforschungsinstitut ValueQuest im Frühjahr 2024 eine Online-Befragung unter 1’054 Arbeitgebern in der Deutsch- und Westschweiz durch. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Erwartungslücke zwischen Absicht und Realität.
Zur Methodik der Studie im Auftrag der Swiss Life
Die repräsentative Studie wurde im Frühjahr 2024 vom Marktforschungsinstitut ValueQuest im Auftrag von Swiss Life in der Deutsch- und Westschweiz durchgeführt. Dabei wurden 1’054 Entscheidungsträger (Geschäftsleitungsmitglieder, Geschäftsführer und HR-Verantwortliche) aus Unternehmen mit mindestens vier Mitarbeitenden online befragt. Für vertiefte Analysen wurden zusätzlich Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamts für Statistik herangezogen.
Der grosse „Expectation Gap“: Ein Missverständnis zwischen den Generationen
Eine der spannendsten Erkenntnisse der Studie ist der sogenannte „Expectation Gap“ – eine massive Fehleinschätzung der gegenseitigen Erwartungen. Rund 70 % der Arbeitgeber sind der Meinung, dass die Bereitschaft von Arbeitnehmenden, über das Referenzalter hinaus zu arbeiten, eher gering sei. Sie gehen also davon aus, dass die meisten Mitarbeitenden den Ruhestand herbeisehnen. Nur 29 Prozent der befragten Schweizer Arbeitgeber glauben, dass die meisten Arbeitskräfte bis 66 oder 67 gut arbeiten könnten. Gleichzeitig lehnen nur 23 Prozent diese Aussage klar ab.
Hier zeigt sich eine deutliche Wahrnehmungslücke: Unternehmen in der Schweiz gehen oftmals davon aus, dass ältere Mitarbeitende gar nicht mehr arbeiten möchten. Doch Befragungen auf Arbeitnehmerseite zeigen das Gegenteil. Viele über 55-Jährige wären durchaus bereit, länger im Erwerbsleben zu bleiben – vorausgesetzt, Arbeitsbedingungen und Arbeitspensum stimmen.
Fragt man jedoch die Betroffenen selbst, ergibt sich ein ganz anderes Bild, das an eine Motivation Arbeitnehmer Studie erinnert. Viele ältere Arbeitnehmer wären durchaus bereit, länger im Berufsleben zu bleiben, oft aber unter angepassten Bedingungen wie einem reduzierten Arbeitspensum von 70 Prozent. Sie fühlen sich jedoch von ihren Arbeitgebern nicht ausreichend wertgeschätzt oder ermutigt. Die Bedürfnisse der Arbeitnehmer nach Flexibilität und Anerkennung werden offenbar nicht ausreichend wahrgenommen.
Es entsteht ein Teufelskreis: Die Unternehmen fördern das Weiterarbeiten nicht, weil sie glauben, es gäbe keine Nachfrage, und die Arbeitnehmenden signalisieren ihre Bereitschaft nicht, weil sie kein Interesse spüren.
Fachkräftemangel werden kaum ältere Arbeitnehmende eingestellt
Obwohl rund die Hälfte der Unternehmen angibt, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Fachkräften zu haben, wird die naheliegendste Lösung kaum genutzt. Nur 13 % der befragten Firmen fördern aktiv das Arbeiten über das Rentenalter hinaus. Das ist besonders paradox, wenn man bedenkt, dass 22 % die Einstellung älterer Mitarbeitender explizit als Massnahme zur Deckung des Fachkräftebedarfs nennen. Hier schlummert ein beträchtliches Potenzial, denn rund ein Fünftel des ungenutzten Arbeitskräftepotenzials in der Schweiz liegt in der Altersgruppe der 55- bis 70-Jährigen.
Zeit, zum Umdenken auf dem Arbeitsmarkt
Die Swiss Life-Studie macht unmissverständlich klar: Der Schweizer Arbeitsmarkt kann es sich angesichts des demografischen Wandels und des anhaltenden Fachkräftemangels nicht länger leisten, auf die Erfahrung, Loyalität und Kompetenz der Generation 55+ zu verzichten. Die geringe Wechselbereitschaft älterer Arbeitnehmer ist nicht nur auf mangelnden Willen, sondern auch auf die fehlenden Signale vom Arbeitsmarkt zurückzuführen.
Es braucht mehr als blosse Absichtserklärungen. Gefragt ist ein tiefgreifendes Umdenken in der Unternehmenskultur. Unternehmen müssen veraltete Altersbilder überwinden und proaktiv eine Kultur der Wertschätzung für alle Generationen schaffen. Dazu gehören flexible Arbeitsmodelle, gezielte Weiterbildungen und eine Rekrutierung, die Erfahrung als wertvolles Kapital und nicht als Kostenfaktor betrachtet. Nur so kann das brachliegende Potenzial gehoben und der Fachkräftemangel wirksam bekämpft werden.
Beitrag veröffentlicht am 4. November 2025
Über Bruno Catellani

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