Für Personalerinnen und Personaler ist künstliche Intelligenz (KI) ein zweischneidiges Schwert. Ersetzen Algorithmen künftig Erfahrung und Bauchgefühl bei der Selektion von Talenten? Und: Wie kann dabei verhindert werden, dass Bewerberinnen und Bewerber nicht selbst in die KI-Trickkiste greifen? Ein Wettrüsten mit Folgen. Über den Fluch und Segen von Robot-Recruiting.

Im Zeitalter des Fachkräftemangels greifen Unternehmen immer häufiger auf die Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) zurück. Von deren Einsatz erhoffen sie sich eine gesteigerte Objektivität und Effizienz des Auswahlprozesses. Doch wer ist der bessere Recruiter? Mensch oder Maschine? Fest steht: Der alte Spruch «Zeit ist Geld» bleibt relevant. Im Kontext von KI ist Zeitersparnis ein wesentliches Anliegen für Unternehmen. Das Einladen von 1000 Kandidatinnen und Kandidaten zu einem Assessment ist weder praktikabel noch wirtschaftlich sinnvoll. Doch dank des Einsatzes von KI können grosse Mengen an Bewerbungen effizient auf eine überschaubare und handhabbare Anzahl reduziert werden.

Wurde diese Vorselektion früher noch durch Menschen erledigt, werden eingehende Bewerbungen in vielen Unternehmen automatisch nach passenden Stichworten durchforstet und darauf basierend Rückschlüsse auf die Qualifikation des jeweiligen Bewerbenden gezogen – innert Sekundenbruchteilen und voll automatisiert. Solche Systeme sind grundsätzlich nichts Neues. Es gibt viele unterschiedliche Dienste und Softwareanbieter, die anhand von Stichworten Rückschlüsse auf die Eignung von Bewerberinnen und Bewerbern möglich machen. CV Parsing oder Resume Parsing heisst das Verfahren. Doch neu ist dieses nicht.

Wer sich in der Vergangenheit bei einem grösseren Unternehmen beworben hat, war sich bewusst, dass seine Bewerbungsunterlagen nicht nur von einem Menschen, sondern möglicherweise auch von einer Maschine geprüft werden. Meist waren es grössere Unternehmen, die solche Systeme im Einsatz hatten. Tauchten in der Bewerbungsmappe gewisse Schlüsselbegriffe oder Buzzwords auf, so wurden anhand derer die Kandidatinnen und Kandidaten vorselektiert. Soweit der bisherige Stand der Technik.

Digitales Wettrüsten auf beiden Seiten

Am 30. November 2022 wurde die erste öffentliche Version von ChatGPT vorgestellt. Spätestens seit diesem Datum ist KI in aller Munde. Doch ChatGPT ist mehr als nur ein smarter Chat-Roboter. Es ist ein neuronales, lernfähiges Netzwerk. Was sich wie Science-Fiction anhört, ist bereits heute mehr Science als Fiction. KI-Anwendungen verwenden Algorithmen die der Funktionsweise des menschlichen Gehirns nachempfunden sind. Für ChatGPT heisst das, dass die Software nicht nur Wörter basierend auf einer erlernten Wahrscheinlichkeitsverteilung aneinanderreiht, sondern darauf trainiert werden kann, aus Daten zu lernen und Aufgaben zu erfüllen, ohne explizit dafür programmiert zu sein. In der Forschung werden solche Modelle als Large Language Models (LLM) bezeichnet. Sie sind ein Teilgebiet des Machine Learning (ML), einer Technologie, die es Computern ermöglicht, Muster in Daten zu erkennen und auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen oder Vorhersagen zu machen.

Was als einfache Stichwortübereinstimmung begann, wird heute immer stärker, schneller und schlauer. Es ist absehbar, dass Unternehmen, die Bewerbungsmanagement-Software und E-Recruiting-Tools anbieten, in Zukunft vermehrt auf KI-Elemente zurückgreifen werden. Damit erhalten auch KMU erstmals Zugriff auf mächtige Werkzeuge zur automatisierten Einschätzung und Vorselektion von Bewerberinnen und Bewerbern

EIN TECHNOLOGISCHER TEUFELSKREIS ERGIBT SICH, WENN STELLENAUSSCHREIBUNGEN PER KI GENERIERT WERDEN UND BEWERBERINNEN UND BEWERBER DAS VERFASSEN IHRER BEWERBUNGSUNTERLAGEN EBENFALLS AN DIE KI AUSLAGERN

Für manche HR-Professionals dürfte dies eine Horrorvision sein. Wurden Talente bisher mit Erfahrung und Bauchgefühl gesichtet und selektiert, kann diesen Job nun ein Roboter übernehmen – schneller und effizienter, als es ein Mensch je könnte. Das Problem: Auch die Bewerberinnen und Bewerber sind sich dieses Umstands sehr wohl bewusst. Anschreiben und Lebensläufe werden heute oftmals nicht mehr selbst, sondern mithilfe von ChatGPT, Google Bard und Co erstellt. Auf diese Weise können KI-Bewerbungen entstehen, die fast zu gut sind, um wahr zu sein. Die Folge ist ein digitales Wettrüsten.

Der US-amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman warnte bereits 1985 in seinem Buch «Amusing Ourselves to Death» davor, dass unsere Gesellschaft angesichts technologischer Veränderungen auf ein Zero-Trust-Zeitalter zusteuere, in dem vermeintliche Fakten auf den Prüfstand gestellt werden müssen: «Was Orwell fürchtete, waren diejenigen, die Bücher verbieten würden. Was Huxley befürchtete, war, dass es keinen Grund geben würde, ein Buch zu verbieten, denn es würde niemanden geben, der eines lesen wollte.» Fast vier Jahrzehnte später, im Zeitalter von KI, ist Postmans Warnung aktueller denn je. Welcher Bewerber ist authentisch? Welche Kandidatin hat möglicherweise bei ihrem CV nachgeholfen? Ist es tatsächlich ein real existierender Mensch, der sich auf die aus geschriebene Position bewirbt? Auch die KI kann in diesem Wettrüsten nur bedingt weiterhelfen.

Schlachtfeld der Buzzwords

Ein technologischer Teufelskreis ergibt sich, wenn Stellenausschreibungen per KI generiert werden und Bewerberinnen und Bewerber das Verfassen ihrer Bewerbungsunterlagen ebenfalls an die KI auslagern. Basierend auf der durch die KI generierten Stellenausschreibung werden somit ein Lebenslauf und ein Anschreiben generiert, die durch spezifische Buzzwords der Stellenausschreibung die Algorithmen der KI bedienen. Wir befinden uns dann in einem «Schlachtfeld der Buzzwords», denn die Bewerberinnen und Bewerber verfassen ihre Unterlagen nicht mehr für ein menschliches Gegenüber, sondern für Maschinen. Relevante Schlüsselwörter werden strategisch für «künstliche Personaler» platziert, um so die Chancen auf eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch zu steigern. Frei nach Postman: «Faking Ourselves to Death». Fest steht, dass das HR Management – trotz der grossen Vorteile von KI – auch die wenigen, aber nicht vernachlässigbaren Nachteile dieser Technologie im Blick haben muss. Es ist vorstellbar, dass Abschlüsse von renommierten Bildungsinstitutionen in Zukunft mehr an Gewichtgewinnen werden – sie sind ein vertrauenserweckendes Qualitätsmerkmal in einem scheinbaren Zeitalters des Zero Trust.

Unternehmen werden in Zukunft nicht nur von einem Effizienzgewinn durch KI profitieren. Vielmehr werden sie auch mit allerlei rechtlichen Untiefen und Stolpersteinen konfrontiert sein. So ist es möglich und auch nicht unwahrscheinlich, dass ein KI-System gewisse Bewerberinnen und Bewerber anhand bestimmter Eigenschaften systematisch benachteiligt und automatisiert ausschliesst. Theoretisch achten Softwareanbieter bereits bei der Erstellung von Algorithmen darauf, dass keine diskriminierenden Muster entstehen können, doch ausgeschlossen ist dies nicht. HR-Professionals sollten sich dieser Problematik bewusst sein und regelmässige Testläufe mit dem eigenen System durchführen. Schliesslich sind auch datenschutzrechtliche Aspekte nicht zu vernachlässigen. So regelt das revidierte und seit dem 1. September 2023 in Kraft getretene neue Datenschutzgesetz (revDSG), insbesondere Art. 21 DSG, die Grenzen von automatisierten Auswertungen – und damit auch von der KI-gestützten Personalsuche.

Die Anwendung von KI im Personalmanagement hat das Potenzial, die Effizienz von Rekrutierungsprozessen zu revolutionieren. Jedoch hängt der erfolgreiche Einsatz von KI von der Qualität und Fairness der zugrunde liegenden analogen Prozesse ab. KI kann bestehende Voreingenommenheiten widerspiegeln oder gar verstärken, wenn sie auf verzerrten Daten basiert. Talentmanagerinnen und Talentmanager stehen somit vor der Herausforderung, Effektivität und ethische Standards in den Vordergrund zu stellen, wenn sie die Potenziale der KI nutzen.

Dieser Artikel erschien als Gastbeitrag von Dr. Kathrin Neumüller und Thomas Bigliel im HR Today 1 / 2024. Kathrin Neumüller ist Projektleiterin bei ValueQuest, Expertin für Mitarbeiterempowerment und -inspiration. Thomas Bigliel ist Product Manager und Digitalisierungexperte. Er gründetet und leitete mehrere Start-ups, ist Träger des Grimme Online Awards, Fachbuchautor und mit der Hochschule Luzern affiliert.

Beitrag veröffentlicht am 27. Januar 2025

Über Dr. Kathrin Neumüller
Kathrin Neumüller, Co-Geschäftsführerin, hat welliges blondes Haar und trägt einen marineblauen Blazer über einem weissen Hemd. Sie lächelt selbstbewusst und steht in einem modernen Büro mit grossen Fenstern im Hintergrund.

Dr. oec. HSG Kathrin Neumüller ist Co-Geschäftsführerin bei ValueQuest und Expertin für Mitarbeiterinspiration und Empowerment. Daneben unterrichtet sie im MBA strategisches Management an der ZHAW. Sie promovierte an der Universität St. Gallen (HSG) und studierte an der University of Cambridge. Erfahren Sie mehr über Kathrin

Inspiriert? Dann teilen Sie diesen Beitrag über Ihre bevorzugte Plattform.

Weitere Beiträge, die Sie interessieren könnten ...

  • Top Schweizer Arbeitgeber: GastroSocial

    9. September 2026

    Lesezeit: 3 min

    GastroSocial erhält den Excellence@Work Award 2026 von ValueQuest. Mit einer Rücklaufquote von 96 Prozent, 84 Motivationspunkten und 87 Prozent Botschafterinnen und Botschaftern zeigt sich eine starke Arbeitgeberkultur.

  • Mitarbeiterbefragung: Raiffeisenbank Möhlin mit exzellenten Ergebnissen

    31. August 2026

    Lesezeit: 3 min

    Die Raiffeisenbank Möhlin gehört zu den Top-Arbeitgebern der Schweiz und erhält dafür unsere Auszeichnung Excellence@Work Award. Wir gratulieren!

  • Junge Frau mit Megafon auf einer Strasse. Symbol für die Stimme der Mitarbeitenden in Befragungen und 360-Grad-Führungsfeedback.

    Mitarbeiterbefragung Schweiz: Anbieter & Tools finden

    30. August 2026

    Lesezeit: 6 min

    Mitarbeiterbefragung Schweiz: Wie findet man den richtigen Mitarbeiterbefragung-Anbieter? Worauf es bei Anonymität, Tools, Fragebogen und Auswertung wirklich ankommt.

  • eNPS Skala von 0 bis 10 mit Einteilung in Kritiker (0 bis 6), Passive (7 bis 8) und Promotoren (9 bis 10)

    360 Grad Feedback Fragebogen: Muster, Vorlage und Beispielfragen

    21. August 2026

    Lesezeit: 7 min

    Inhaltsverzeichnis Ein 360 Grad Feedback ist nur so gut wie sein Fragebogen. Der Fragebogen bildet das Herzstück des gesamten Prozesses. Er entscheidet darüber, ob...

  • Mitarbeiterbefragung: Stiftung CAMPUS SURSEE gehört zu den besten Arbeitgebern der Schweiz

    5. August 2026

    Lesezeit: 2 min

    ValueQuest zeichnet besonders attraktive Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen in der Schweiz mit dem Excellence@Work Award aus. Kürzlich durften wir den Award der Stiftung CAMPUS SURSEE überreichen.

  • Team der Raiffeisenbank Regio Arbon feiert die Auszeichnung als Excellence@Work Exzellenter Arbeitgeber mit der Award-Trophäe.

    Top-Arbeitgeberin Raiffeisenbank Regio Arbon: Eigenverantwortung als Teil einer starken Unternehmenskultur

    7. Juli 2026

    Lesezeit: 2 min

    ValueQuest zeichnet besonders attraktive Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen in der Schweiz mit dem Excellence@Work Award aus. Kürzlich durften wir den Award der Raiffeisenbank Regio Arbon überreichen.

  • Ricardo Garcia, CEO von PROMEA, im Porträt vor modernem Gebäude

    Kundenzufriedenheit als strategischer Hebel: Interview mit Ricardo Garcia, CEO von PROMEA

    20. Juni 2026

    Lesezeit: 10 min

    PROMEA erzielt seit Jahren Spitzenwerte in der Kundenzufriedenheit. Im Gespräch mit CEO Ricardo Garcia zeigt sich: Dahinter steckt kein Zufall, sondern ein klarer Fokus auf Qualität, Reaktionszeiten und konsequente Umsetzung der Erkenntnisse der Kundenumfrage. Dieses Interview zeigt, wie PROMEA den NPS als Führungsinstrument nutzt und welche Herausforderungen für die Kundenzufriedenheit als Nächstes anstehen.

  • Schamgefühl im Berufsalltag: Warum wir nicht sagen, was eigentlich gesagt werden müsste

    4. Juni 2026

    Lesezeit: 4 min

    Feedback zu geben und anzunehmen gehört zu den grundlegendsten Interaktionen im modernen Berufsalltag. Doch warum fällt es uns so oft schwer, ehrliche Rückmeldungen zu formulieren?

  • eNPS Skala von 0 bis 10 mit Einteilung in Kritiker (0 bis 6), Passive (7 bis 8) und Promotoren (9 bis 10)

    Kundenbefragung Schweiz: Fragebogen, Beispielfragen und Muster-Fragebogen

    27. Mai 2026

    Lesezeit: 6 min

    Kundenbefragung in der Schweiz: Dank unserer Muster-Fragen und Fragebogen-Vorlage erstellen Sie einen guten Fragebogen für Ihre Kundenbefragung oder Umfrage.