In diesem Artikel zeigen wir, welche wahren Kündigungsgründe sich in den Freitextkommentaren verbergen und wie Unternehmen dieses Wissen nutzen können, um ihre besten Talente zu halten.

Wer nicht an einer Mitarbeitendenbefragung teilnimmt, kündigt doppelt so häufig. So unsere Langzeitstudie. Analysiert wurden über 14.000 Freitextkommentare eines Schweizer Arbeitgebers über vier Jahre. Das Ergebnis: Mitarbeitendenbefragungen sind weit mehr als ein Stimmungsbarometer. Sie sind das verlässlichste Frühwarnsystem für drohende Kündigungen.

Inhaltsverzeichnis

Die Top-Kündigungsgründe: Führung und Wertschätzung entscheiden

Die Analyse zeigt klar: Wer kündigt, kritisiert in erster Linie die Führung. Mitarbeitende, die das Unternehmen verlassen haben, nannten in ihren Kommentaren deutlich häufiger Probleme mit Vorgesetzten und mit der gelebten Führungskultur. Dabei geht es nicht um Einzelfälle, sondern um strukturelle Themen:

  • ein starres Hierarchiedenken, das Innovation blockiert
  • fehlender Einbezug in wichtige Entscheidungen, der Engagement untergräbt
  • ein Umgangston ohne Wertschätzung, der Vertrauen zerstört

Wenn diese kulturellen Faktoren fehlen, bricht die Bindung an das Unternehmen weg. Führung ist damit kein reines Managementthema mehr, sondern der Schlüssel, der über Bleiben oder Gehen entscheidet. Eine Kultur von Fairness, Anerkennung und Vertrauen wirkt wie ein Schutzschild gegen Fluktuation. Schlechte Führung dagegen beschleunigt sie massiv.

Die drei häufigsten Kündigungsgründe betreffen die Unternehmenskultur:

  1. Mangelhafte Führung
  2. Fehlende Wertschätzung
  3. Unfairness und ungerechtes Verhalten

Schlechte Führung ist Kündigungsgrund Nr. 1

Führung entscheidet über Loyalität. Eine mangelhafte Führungskultur ist der stärkste und häufigste Grund für Kündigungen. Wer über längere Zeit Probleme mit seiner Chefin oder seinem Chef erlebt, bleibt selten im Unternehmen. Kritik an der Führung ist deshalb das deutlichste Warnsignal für drohende Fluktuation. Der bekannte Satz bestätigt sich immer wieder: «Mitarbeitende kündigen keinen Job, sie kündigen ihre Führungskraft.»

Die Zahlen aus unserer Studie:

  • 6.2 % der Mitarbeitenden, die später kündigten, nannten explizit Führungs- oder Managementthemen (z. B. schlechtes Führungsverhalten oder starres Hierarchiedenken).
  • Bei den bleibenden Mitarbeitenden waren es nur 3.9 %.
  • Das bedeutet: Kündigende kritisieren die Führung rund 60 % häufiger – ein statistisch hoch signifikanter Unterschied.

Mangelnde Wertschätzung als Kündigungstreiber

Wertschätzung gehört zu den wichtigsten, aber oft unterschätzten Faktoren der Mitarbeitendenbindung. Wer das Gefühl hat, dass seine Arbeit nicht gesehen oder anerkannt wird, verliert nach und nach Motivation und Vertrauen in den Arbeitgeber. Die Folge: Der Gedanke an einen Wechsel wird immer stärker. Unsere Studie zeigt klar, dass Mitarbeitende mit Kündigungsabsicht deutlich häufiger fehlende Anerkennung beklagen.

Die Zahlen im Überblick:

  • 5 % der später kündigenden Mitarbeitenden nannten explizit fehlende Wertschätzung.
  • Bei den bleibenden waren es nur 1.1 %.
  • Das Risiko mangelnder Anerkennung ist bei Kündigenden also mehr als doppelt so hoch.
Mann steht vor einem Computerbildschirm mit Kündigungsnachricht, teilweise mit gelb-schwarzem Absperrband überklebt.

Der Mythos der «Hard Facts»: Warum Lohn und Prozesse selten entscheiden

Viele Mitarbeitende ärgern sich über «Hard Facts» wie Lohn, Prozesse, Work-Life-Balance oder IT-Systeme. Sie sorgen für Frust im Alltag, führen aber nur selten direkt zur Kündigung. Unsere Daten zeigen klar: Selbst wer Gehalt oder Prozesse kritisiert, bleibt oft im Unternehmen. Es herrscht Unzufriedenheit, aber keine akute Absicht zu gehen.

Lohn: Unzufriedenheit, aber kein Kündigungstreiber

Das Thema Gehalt taucht häufig in den Kommentaren auf. Das Gehalt ist unter den Top-Gründen für Unzufriedenheit. In der Tat fordern mehr Lohn oder bemängeln ihre Bezahlung.

Doch unsere Daten belegen: Gehaltsunzufriedenheit führt nur selten direkt zum Austritt. Oft ist die Lohnfrage ein Ventil für tieferliegende Probleme. Wer sich fair behandelt und wertgeschätzt fühlt, akzeptiert eher ein unterdurchschnittliches Gehalt. Wer dagegen mit der Führung unzufrieden ist, nutzt die Lohnfrage als rationales Argument für eine längst emotional getroffene Entscheidung.

Die Zahlen im Überblick:

  • 13.1 % der kündigenden Mitarbeitenden nannten das Gehalt als Kritikpunkt.
  • Bei den bleibenden waren es 12.1 %.
  • Fazit: Beide Gruppen klagen fast gleich häufig über den Lohn. Er ist ein verbreiteter Frustfaktor, aber kein entscheidender Kündigungsgrund.

Karriere und Entwicklung: Wichtig, aber selten ausschlaggebend

Weiterbildung und Entwicklungsmöglichkeiten gehören für viele Mitarbeitende zu den zentralen Erwartungen an ihren Arbeitgeber. Sie werden häufig eingefordert – haben aber überraschend wenig Einfluss darauf, ob jemand tatsächlich kündigt. Unsere Studie zeigt, dass Karrierethemen zwar regelmässig kritisiert werden, jedoch nicht über Loyalität oder Austritt entscheiden.

Die Zahlen im Überblick:

  • Rund 5 % der kündigenden Mitarbeitenden nannten fehlende Weiterbildung oder Entwicklungsmöglichkeiten.
  • Etwa gleich viele bleibende Mitarbeitende äusserten dieselbe Kritik.
  • Fazit: Karrierechancen sind ein verbreiteter Kritikpunkt, beeinflussen die Zufriedenheit, aber nicht direkt die Mitarbeiterbindung.

Work-Life-Balance, Prozesse und IT: Ärgernisse ohne Kündigungswirkung

Ob Arbeitszeit, hohe Belastung, Work-Life-Balance, langsame IT oder ineffiziente Prozesse: Solche Ärgernisse tauchen in vielen Kommentaren auf. Unsere Analyse zeigt jedoch, dass sie nur selten ausschlaggebend für eine Kündigung sind.

Bemerkenswert: Eher die bleibenden Mitarbeitenden nannten IT- oder Prozessprobleme (6.6 % gegenüber 5.3 % bei den Kündigenden). Das legt nahe, dass Zufriedene zwar lautstark über Systeme klagen, aber trotzdem bleiben. Wer hingegen grundlegende Probleme mit der Kultur hat, kündigt eher – unabhängig von IT-Frust.

Die Zahlen im Überblick:

  • 6–7 % beider Gruppen nannten Themen wie Homeoffice, Überstunden oder Stress.
  • Rund 10 % beider Gruppen kritisierten die Zusammenarbeit oder Kommunikation.
  • 6,6 % der bleibenden Mitarbeitenden nannten IT- oder Prozessprobleme, gegenüber 5,3 % der Kündigenden.
  • Fazit: Operative Ärgernisse sind verbreitet, doch sie führen nicht direkt zur Kündigung.

Der Faktor Alter: Jüngere Mitarbeitende kündigen schneller

Unsere Daten bestätigen ein bekanntes Muster: Jüngere Mitarbeitende sind deutlich wechselbereiter und weniger loyal als ältere Generationen. Kritikpunkte wie fehlende Wertschätzung oder schlechte Führung betreffen zwar alle Altersgruppen. Doch während ein 55-Jähriger trotz Missständen oft bleibt, zieht ein 25-Jähriger schneller Konsequenzen und kündigt.

Das Alter wirkt damit wie ein Verstärker. Unzufriedenheit schlägt sich bei den Jüngeren viel rascher in einer Kündigung nieder. Ältere Mitarbeitende kritisieren zwar ebenfalls, bleiben aber häufiger – oft, weil sie stärker verwurzelt sind, familiäre Verpflichtungen haben oder den Aufwand eines Wechsels scheuen.

Die Kündigungsquoten nach Alter im Überblick:

  • Unter 30 Jahre: 34 % (jeder Dritte verlässt das Unternehmen)
  • 31–40 Jahre: 17 %
  • 41–50 Jahre: 13,6 %
  • Über 50 Jahre: 10,7 %

Beitrag veröffentlicht am 20. September 2025

Über Bruno Catellani
Bruno Catellani ist Leiter Analyse & Innovation bei ValueQuest. Mit Studienabschlüssen der Universität Zürich und der Universität St. Gallen steht er für datenbasierte Strategien und zukunftsorientierte Innovationen.

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